Viele Lehrkräfte, an deren Schulen Tablets wie das iPad als Arbeitsmedium eingeführt werden – sei es per Ausleihe oder im 1:1-Ansatz – stehen vor großen Unsicherheiten. Neben der technischen Komponente wird neues Ablenkungspotential durch Internetzugang, AirDrop-Kontakt und Messaging, um nur einige Beispiele zu nennen, beobachtet oder befürchtet. Im Kern: Ein Kontrollverlust.

Apple Classroom und ZuluDesk vs. offenes iPad-Konzept

Auch meine eigenen Erfahrungen im Unterricht und bei Unterrichtsbesuchen an diversen Schulen führten zu der Einsicht, dass insbesondere zu Beginn des systematischen Einsatzes von Tablets eine grundlegende Kontrolle und Steuerung der Schülergeräte durch Apps wie Apple Classroom oder MDM-Systeme wie ZuluDesk sinnvoll und zielführend erscheint.

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Interessant ist, dass gerade Besuche an Schulen, die besonders viel Wert auf Vertrauen, Selbstlerneffekte und „digitale Mündigkeit“ im völlig offenen Arbeiten mit Tablets legen, diese auch von zahlreichen Schülerinnen und Schülern angesprochene Einschätzung verstärkten: In vielen der beobachteten Stunden lief im Hintergrund von Facebook, WhatsApp, Instagram, Snapchat über Online-Games bis hin zu YouTube-Videos die ganze Bandbreite möglicher Ablenkungen – zulasten wirklich konzentrierten und fokussierten Arbeitens. Mindestens eine dieser Schulen hat nun in diesem Sommer reagiert und ebenfalls die bei uns verwendete MDM-Lösung von ZuluDesk eingeführt.

Auf Nachfragen zu diesen Anlaufschwierigkeiten nun aber einfach nur anzumerken, Unterricht müsse eben gut geplant, interessant, relevant und so motivierend wie abwechslungsreich für die SuS sein – wie im unten angeführten Beispiel aus dem #twitterlehrerzimmer artikuliert – würde den betroffenen Lehrkräften fälschlicherweise das Gegenteil unterstellen.

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Reaktion auf eine Nachfrage zum Ablenkungspotential von Tablets – #twitterlehrerzimmer, 25.03.2019

Allein: Das aktive Ablenkungspotential gerade von Online-Inhalten, zusätzlich gefördert durch das fast schon gewohnheitsmäßige Multitasking, generiert völlig andere Ablenkungsanreize als manches früher geschriebene Briefchen oder Schiffe versenken-Spiel. Dies ist auch vielen Schülerinnen und Schülern bewusst und wurde in zahlreichen Feedback-Runden an unserer Schule immer wieder auch von Schülerseite betont.

Bedeutung für Schul- und Unterrichtsentwicklung

Auf dieses Schlüsselproblem sollte stufenweise angelegte Schul- und Unterrichtsentwicklung eingehen, möchte man die motivierten und interessierten Lehrkräfte in ihrem Veränderungswillen unterstützen und bestärken.

Klar ist: Es gab natürlich schon immer Ablenkungen, und es wird sie immer geben. Aber mit dem Verweis auf guten Unterricht als Lösungsstrategie allein macht es sich mancher Digitaleuphoriker zu einfach – oder wischt die Sorgen zahlreicher weniger erfahrener Lehrkräfte auf wenig umsichtige Art beiseite. Das zeigen auch die oben angeführten Tweets aus dem #twitterlehrerzimmer.

Für nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung unter den Bedingungen der Digitalität ist aber eine grundlegende Variable von essentieller Bedeutung: Gerade die wenig erfahrenen, aber durchaus interessierten und Veränderungen gegenüber offenen Lehrkräfte machen in praktisch allen Kollegien derzeit einen großen Teil aus. Damit sind sie die maßgebliche Zielgruppe und zugleich entscheidende Träger von Change-Management im Rahmen von Schulentwicklung.

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Verhaltens- und Reaktionsweisen in Veränderungsprozessen (Tanja Föhr, 01.12.2018)

Dieser bedeutenden Gruppe in den Kollegien sollte die Möglichkeit gegeben werden, nicht nur den Unterricht, sondern auch die eigene Lehrerrolle behutsam weiterzuentwickeln und den neuen Bedingungen anzupassen. Für Schulen ergeben sich in diesem Kontext Entwicklungsfelder, die je nach Ausgangslage und Zielsetzung (differenziert) zu bedenken sind:

Entwicklungsfeld 1: Mischung von (digital gestützten) instruktionsbasierten und offenen Unterrichtsphasen

Entgegen mancher Forderungen im Zuge zunehmender Digitalisierung sollte in einem nachhaltig angelegten Entwicklungskonzept klar sein: Auch in digital gestütztem Unterricht kann und sollte es bei einer Mischung aus sowohl lehrerzentrierten als auch offeneren, dezentralen und schüler- bzw. selbstgesteuerten Phasen bleiben. Nicht erst seit Hattie ist bekannt, dass die Mischung aus instruktionsbasiertem sowie kooperativem und/oder selbstgesteuertem Unterricht positive Effekte auf den Lernprozess hat. Doch in diesem Punkt bedarf es in aller Kürze eines etwas weiteren Bogens.

Denn dieser Position entgegen stellen manche Digitalenthusiasten in einem Atemzug mit bisherigen Unterrichtsformen, Lernzielen und Prüfungsformaten das gesamte Schul- und Bildungssystem in Frage. Im 21. Jahrhundert lebten wir stärker als zuvor in einer sogenannten VUCA-Welt, die durch die vier Faktoren Unbeständigkeit (Volatility), Unsicherheit (Uncertainty), Komplexität (Complexity) und Mehrdeutigkeit (Ambiguity) gekennzeichnet sei. In diesem Kontext müsse sich das Bildungssystem an den rasanten gesellschaftlich-technologischen Wandel anpassen: Als Konsequenz sei anstelle einer wissensbasierten eine kompetenz- und werteorientierte ‚neue Schule‘ zu entwickeln. (Ein guter Beitrag hierzu: Jan Vedder, Schule im Wandel. Eine Geschichte in 15 Bildern, 07.04.19)

Unter Bezugnahme auf einfache Konzepte wie das 4K-Modell wird in der Folge der Fokus von der Inhalts- auf die Prozessebene verschoben. Anstatt zurecht an Bedeutung gewinnende Fähigkeiten wie Kollaboration, Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken integrativ, und völlig selbstverständlich unter stärkerer Beachtung der Prozessebene als bisher, zu bewerten, gelten sie manchen nun als Kernkompetenzen von Bildung im digitalen Zeitalter.

Nur logisch ist dann die Forderung nach weiterer inhaltlicher Reduktion – unter dem Euphemismus „inhaltliche Entschlackung“ vorgetragen – der jeweiligen Curricula.

In diesem Kanon erscheint Digitalisierung dann häufig nur als ein Vehikel für altbekannte bildungspolitische Forderungen in neuem Gewand:

  • Mehr zieldifferentes bzw. gänzlich individuelles Lernen,
  • weniger Inhalte und kanonisches Wissen,
  • die Lehrkräfte nur noch als Begleiter offener Lernprozesse,
  • Aufheben von Klassen und Jahrgängen im Sinne gänzlich offenen Lernens  – …

Um den Bogen bzgl. der Schlüsselfrage nachhaltiger Unterrichtsentwicklung zu schließen: Basierend auf oben skizzierter Grundposition lehnen einige Vertreter völlig offenen Lernens auch jede Kontrolle und Steuerung digital unterstützter Lern- und Arbeitsprozesse der Kinder und Jugendlichen im schulischen Umfeld ab. Im Gegensatz zu Hattie allerdings ohne empirische Basis.

Diese Position ist angesichts der Herausforderungen, die digitales Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert mit sich bringen werden, zumindest in ihrer Genese nachvollziehbar. Für eine stufenweise Progression im aktuellen Handlungsrahmen von Schule erscheinen diese Fundamentalforderungen, die (bisher) keinem empirischen Rechtfertigungsdruck unterliegen, aber mit Blick auf nachhaltige Personal- und Unterrichtsentwicklung wenig zielführend.

Problemfeld

Der digitalen Transformation ist immanent, dass viele schulische Entwicklungsfelder zugleich mehrere Bereiche des gesellschaftlich-politisch-technologischen Referenzrahmens berühren. Wie vom Eisberg-Modell bekannt hat das zur Folge, dass einfache Entscheidungsfragen dann oft eine ganze Pyramide an Folgefragen und Grundsatzdiskussionen nach sich ziehen. 

Die per Twitter aus dem Kollegenfeedback entstandene, ganz naheliegende Frage nach Kontroll- und Steuerungssoftware für Tabletklassen zeigt beispielhaft: Schon dieser Aspekt berührt verschiedenste Ebenen von Schul- und Unterrichtsentwicklung und die in deren Rahmen geführten gesellschaftlichen Kontroversen:

Wie entwickelt sich unter den Bedingungen digitaler Transformation…

…das Verständnis von gutem Unterricht ganz allgemein?

…das Verständnis eines angemessenen Schüler-Lehrer-Verhältnis?

…das Verständnis vorrangig in der Schule zu fördernder Kompetenzen?

…das Verständnis von Form, Funktion und Aufbau zielführender Lernprozesse?

…letztlich das Verständnis von guter, zeitgemäßer Bildung?

Und so lässt sich die Diskussion um Steuerung und Kontrolle von Schülergeräten im sich weiterentwickelnden Unterricht auch nicht verstehen und führen, ohne klar zu benennen, welche divergierenden Haltungen in Bezug auf Bildung im digitalen Zeitalter den unterschiedlichen Positionen zugrundeliegen.

Entwicklungsfeld 2: Kognitive Nutzen & Kosten von Tablets und die Funktion von Kontroll- und Steuerungssoftware

Grundlage der bis hierher skizzierten Einschätzungen sind neben eigenen Erfahrungen vor allem die aus einer Vortragsreihe entstandenen Erkenntnisse. Im Rahmen dieses am Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen organisierten Fortbildungsformates sprachen u.a. Prof. Dr. Korte aus Sicht der Neurowissenschaften und Prof. Dr. Christoph Klimmt aus der Perspektive der Kommunikationspsychologie über das Lernen und Arbeiten mit Tablets. Unter Zusammenführung der gesammelten theoretischen und praktischen Erkenntnisse zeichnet sich ein anderes, vielschichtigeres Bild des Lernens und Arbeitens in digitalen Arbeitsumgebungen.

Kognition: Tablets und die Denkleistung von Lernenden

NutzenKosten
Interaktive Stützung von
Aneignungsprozessen entlastet den
Denkapparat von inhaltsfernen
Aufgaben (z. B. Blättern/Suchen)
Pädagogischer Aufwand für den Aufbau
von Bedienkompetenz für Hard- und
Software mindert inhaltliche Lern-Zeit
Multimediale Darbietungen verbessern
Verständlichkeit & Anschaulichkeit
komplexer Inhalte (z. B.
Flussdiagramme)
Bedienung interaktiver Tools verbraucht
Denkleistung, die für „Inhalte“ nicht
mehr zur Verfügung steht
Interaktive Darbietungen eröffnen
Chancen der handlungsorientierten
Erarbeitung (z. B. Simulationen)
Digitale Umgebungen stellen häufig ein
Übermaß an Informationen bereit –
Navigieren und Orientieren erfordern
immense Lese-Leistungen
Interaktivität erleichtert Konzentration
auf Inhalte (Handeln ist weniger
ablenkungsanfällig als Beobachten)
Digitale Umgebungen stellen häufig ein
Übermaß an Videomaterial bereit –
Überlastung der Gedächtniskapazitäten
und Aufmerksamkeitsspannen
Datengestützte Personalisierung der
Darbietung optimiert
Informationsverarbeitung für jeden
Lernenden (z. B. Stoffmenge, Timing)
Usability-Probleme überlasten gerade
Anfänger-Lernende sofort

Aus diesem von Prof. Dr. Martin Korte (Neurowissenschaften) und Prof. Dr. Christoph Klimmt (Kommunikationspsychologie) deutlich herausgearbeiteten Zusammenspiel von erheblichem Potential und möglichen Risiken für den Unterricht lassen sich, unterstützt durch eigene Unterrichtserfahrungen, die folgenden Schlüsse aus medienpsychologischer Sicht ziehen.

Schlüsse aus medienpsychologischer Sicht

  1. Tabletbasiertes Lernen ist kein instruktionspsychologischer Selbstläufer, sondern bedarf einer intelligenten, ausgewogenen pädagogischen Strategie, um Vorteile bzgl. der Denkleistung der Lernenden zu nutzen und zusätzliche, neu entstehende kognitive Lasten zu vermeiden.
  2. Das Motivationspotential von Tablets ist groß, kann aber ins Gegenteil umschlagen oder zum lernfernen spielerischen Umgang verleiten. Neben fordernden schülerorientierten  Aufgabenformaten mit Handlungsorientierung (Unterrichtsebene) ist daher eine fokussierte Strategie (Schulebene), die mit relativ wenigen, wiederkehrenden Einsatzweisen beginnt und die Funktionsvielfalt stufenweise und parallel zur Lerner-/Lehrkräfte-Entwicklung ausweitet, zielführend.
  3. In diesem Kontext können Steuerungs- und Kontrollsysteme wie ZuluDesk und/oder Apple Classroom für alle Seiten eine konstruktive Lösung darstellen. Eventuell sogar eine essentielle Bedingung für nachhaltige digitale Schulentwicklung, wie die eingangs aufgeführte Problemstellung aus dem #twitterlehrerzimmer exemplarisch zeigt. Dies gilt insbesondere in jüngeren Jahrgängen und/oder in Lerngruppen, in denen fokussiertes multimediales Lernen aus verschiedensten pädagogischen Gründen und/oder wegen fehlender Sicherheit im Umgang mit Tablets seitens der Lehrkraft oder der SuS erschwert ist.
  4. Dass in diesem Modell die parallel zur Progression aller Beteiligten verlaufende zunehmende Öffnung digital gestützten Unterrichts auf Basis von Vertrauen und Erfahrung als (individuelles) Entwicklungsziel mitgedacht wird, sollte dabei als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Problemfeld

Interessant ist, dass in diesem Kontext Digitalisierungskonzepte, die den oben skizzierten Erkenntnissen folgend eher vorsichtig unter dem Leitsatz „zunehmende Öffnung nach zunehmender Erfahrung“ umgesetzt werden, der Kritik einzelner Innovatoren ausgesetzt sind. Deren Vorwurf einer „bewahrpädagogischen Haltung“ lässt dabei das enorme Spannungsfeld außer Acht, dem Schulleitungen und Projektverantwortliche, aber auch Kollegien in ihrer Gesamtheit als Akteure im gesellschaftlich-politischen Referenz- und Handlungsrahmen ausgesetzt sind.

Die eingangs verwendete Grafik vermag nur andeutungsweise die Heterogenität und die damit einhergehenden Kontroversen im Kontext der zunehmenden Digitalen Transformation aufzuzeigen.

Vor diesem Hintergrund wird die für nachhaltige Schulentwicklung in all ihren Facetten so selbstverständliche wie eigentlich nebensächliche Frage nach Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten zugleich zum so kritisch diskutierten wie essentiellen Erfolgsfaktor. Ungeachtet der Kritik einzelner Beteiligter im Rahmen der gerade erst beginnenden Diskussion, sollten Schulleitungen und Projektverantwortliche diesen Aspekt im Stufenmodell digitaler Schulentwicklung berücksichtigen.

Fazit

Den für Change Management und damit Schul-, Unterrichts- und Personalentwicklung in der digitalen Transformation entscheidenden Teilen der Kollegien sollte eine stufenweise, aber auf kontinuierliche Progression abzielende Herangehensweise an die anstehenden, grundlegenden Veränderungen schulischen Arbeitens ermöglicht werden. Ein integriertes Fortbildungskonzept ist dafür von essentieller Bedeutung.

Dies beinhaltet insbesondere die Möglichkeit, nicht nur den eigenen Unterricht, sondern auch die eigene Lehrerrolle behutsam weiterzuentwickeln.

In diesem Kontext zeigt die Frage nach Kontrolle und Steuerung von Schülergeräten im Unterricht exemplarisch, wie sehr jede einzelne Entscheidung auf der Prozessebene digitaler Schulentwicklung auch gesellschaftliche Kontroversen berührt, deren Verhandlung gerade erst begonnen hat.

Hier vorschnell vollendete Tatsachen für Kollegien zu schaffen, die in der Breite noch am Anfang eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses stehen, würde bedeuten, wichtige Stufen zu überspringen und damit im Zweifel den Erfolg nachhaltiger digitaler Schulentwicklung zu gefährden. Gleiches gilt für das Eingehen auf Bedenken und Kritik seitens Verantwortlicher und Beteiligter aller Bereiche.

Die Erprobung gänzlich neuer, im kleinen Kreis engagierter Digitalisierungsenthusiasten entstandener und diskutierter Bildungskonzepte – deren Validierung oder Falsifizierung auf Basis empirischer Evidenz – kann dann von Innovatoren – seien es einzelne Personen im Kollegium, vor allem aber Modellschulen – übernommen werden.

Der Abbau übermäßigen Entwicklungsdrucks und überzogener Erwartungshaltungen – kurz: eine realistische Entwicklungsperspektive – gewährleistet nachhaltige Schulentwicklung im digitalen Wandel.

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