Die ersten Corona-Schulschließungen waren Katalysator für eine Entwicklung, die zunehmend an Fahrt aufnimmt. Die Digitalisierung ermöglicht, trotz fehlender Vorbereitungszeit flexibel auf die neue Herausforderung reagieren zu können und Unterrichtsaktivitäten fortzuführen. Vom einfachen Wochenplan bis zum ausgefeilten eLearning-Konzept mit Interaktion und Videokonferenzen – in kürzester Zeit entstehen überall Konzepte, Unterrichtsideen, Austauschforen und Kommunikationskanäle, um gemeinsam zu entwickeln, zu planen und Erfahrungen zu teilen.

Kommunikation – Pädagogik ist mehr als ein Arbeitsblatt

Viele Planungen drehen sich um die Frage, wie sich neben der einfachen Ablage von Arbeitsmaterialien gerade der persönliche Kontakt zu den Schülern, aber auch dem Kollegium aufrechterhalten lässt. Diese Frage trifft es auf den Punkt: Denn Pädagogik ist mehr als ein Arbeitsblatt. Pädagogik lebt von der Interaktion. Lehrkräfte als Bezugspersonen, die im Unterricht neue Welten eröffnen, die Vertrauensperson, manchmal Vorbilder sind und als verlässliche Gegenüber eine sichere Umgebung für Lernen und Entwicklung schaffen. Ohne die Rolle der Lehrpersonen überschätzen zu wollen: Davon geht vieles verloren, wenn der Unterricht länger ausfällt und die einzige Ersatzmaßnahme die Ablage von Arbeitsmaterial darstellt. Warum also nicht Möglichkeiten finden und entwickeln, diese Beziehungen ansatzweise aufrecht zu erhalten?

Das Digitale, von Kulturpessimisten und Fortschrittsskeptikern als Hort der menschlischen Entfremdung verfemt, hält Arbeitsprozesse, die Möglichkeit zu lernen und soziale Interaktion aufrecht. Es ist zu unserem Zufluchtsort geworden. Die sozialen Medien ersetzen den real nicht mehr stattfindenden gesellschaftlich-kulturellen Austausch. …

Dagmar Rosenfeld, Chefredakteurin in der Welt vom 17.03.2020

Könnten insbesondere Videokonferenzen dazu beitragen, die pädagogische Beziehung nicht abbrechen zu lassen – gerade wenn es zu längeren Unterbrechungen als bisher gedacht kommen sollte? Klar ist: Das Digitale hält jetzt zusammen, was angesichts Kontaktverboten und Ausgangssperren ohne Digitalität nicht zusammenzuhalten wäre. Welche Rolle Videokonferenzen hier einnehmen können, ist eine Frage, die erst im Verlauf der nächsten Zeit zu beantworten sein wird. Überzogene Hoffnungen oder gar die Erwartung, ab jetzt könne Fernunterricht den Präsenzunterricht ersetzen, erscheinen wenig realistisch. Mehrheitlich wollen das auch weder Schüler noch Eltern. Und doch geben die aktuellen Entwicklungen – mit den Worten Christian Füllers – einen Vorgeschmack auf das Lernen des 21. Jahrhunderts.

Doch zunächst ganz praktisch: Welche Tools eignen sich besonders gut für möglichst unkomplizierte Videokonferenzen? Hier einige Empfehlungen aus der Schulpraxis.

Gute Videokonferenz-Tools: Zoom, Jitsi Meet und Skype

Eine gute Übersicht über verschiedene Videokonferenz-Tools bietet die Website der Pädagogischen Hochschule Schwyz („Lernen trotz Corona“), die fundierte Informationen zu eLearning-Ansätzen zusammenfasst. Von den dort beschriebenen Tools sollen hier nur drei in der eigenen Unterrichtspraxis erprobte Lösungen kurz näher beschrieben werden:

Top 1: Zoom

Als zuverlässigste Lösung für Videokonferenzen mit bis zu 100 Teilnehmern gilt Zoom – insbesondere nach den Erfahrungen der ersten Tage nach Beginn der schulfreien Zeit. Viele Schulen, die zunächst auf andere Tools setzten, wechselten früher oder später zu Zoom und seinem kostenlosen und während der Corona-Phase unlimitierten Zugang. Ansonsten verfügt aber auch die kostenlose Version über 40 Minuten Konferenzzeit für bis zu 100 Teilnehmer, was in der Regel zum schulischen Rahmen von Videokonferenzen passen sollte.

Zoom, Jitsi, Skype - Videokonferenzen in Zeiten von Schulschließungen und Coronavirus 1
Mit Zoom steht ein so leistungsfähiges wie perfekt für den schulischen Kontext geeignetes Tool zur Verfügung (Zoom)

Die Registrierung ist in wenigen Schritten erledigt, dann kann man direkt starten:

In der Benutzeroberfläche genügt ein Klick (Optionen: Mit eingeschaltetem Video, mit ausgeschaltetem Video, mit Bildschirmübertragung) und ein Meeting wird gestartet. In dieses Meeting kann man weitere Teilnehmer unkompliziert per kopiertem Link einladen.

Wie das funktioniert zeige ich in einem Youtube-Tutorial, in dem ich detailliert zum Nachvollziehen auf alle Funktionen eingehe:

Zoom funktioniert nach bisherigem Stand (eigene Praxiserfahrung mit bis zu 25 Teilnehmern) sehr stabil und zuverlässig, ebenso sind keine negativen Erfahrungsberichte aus den ersten Tagen intensiverer Nutzung bekannt. Vorteilhaft sind insbesondere die vielfältigen und für Schulen sehr praktischen Funktionen. Von der Bildschirmfreigabe (Schüler sehen den Lehrerbildschirm – oder auch andersherum) über das gemeinsam bearbeitbare virtuelle Whiteboard bis hin zum einfachen Teilen von Dateien verfügt Zoom über ein enormes Spektrum praktischer Details.

Zoom ist damit eine empfehlenswerte Lösung für Videokonferenzen und derzeit definitiv die Anwendung, auf die Schulen setzen sollten. Sei es für die Arbeit in Teams und Fachgruppen oder mit Schülern in der unterrichtsfreien Zeit: Funktionsumfang, einfache Bedienung, stabile Verbindungen und kostenlose Nutzung sind gute Argumente.

Top 2: Jitsi / Jitsi Meet

JitsiMeet: Dieses open source-Tool stellt auf den ersten Blick die perfekte Einstiegslösung für Videokonferenzen in Zeiten von Corona-Unterrichtsfrei dar. Keine Anmeldung. Keine Installation. Kostenlos.

Dementsprechend wurde es gerade in den ersten Tagen auch auf allen relevanten Blogs für Digitalunterricht empfohlen. Und tatsächlich: Die Nutzung ist niedrigschwellig möglich, sicher und anonym, bei gleichzeitig zahlreichen Möglichkeiten für Fernunterricht. Auch hier ist eine Bildschirmübertragung inklusive, was digitalen Unterricht erleichtern könnte.

Auf der Startseite klickt man einfach auf „Start a new meeting“ und es kann losgehen. Wie in anderen Tools auch, kopiert und teilt man den Link mit den Teilnehmern und kann auch ein Passwort festlegen.

Zoom, Jitsi, Skype - Videokonferenzen in Zeiten von Schulschließungen und Coronavirus 2
Sehr einfache Nutzung, open source-Anwendung – leider aber derzeit sehr instabil und damit für Schulen wenig empfehlenswert: Jitsi Meet

Doch die Erfahrungen aus zahlreichen Schulen zeigen inzwischen, dass JitsiMeet bei mehreren Teilnehmern schnell instabil und wackelig wird. Daher ist es für erste Online-Unterrichtserfahrungen derzeit kritisch zu bewerten – denn es könnte für die weitere Zeit für Frustration auf allen Seiten sorgen und damit eine Weiterentwicklung eher hindern als fördern. Das ist schade, denn Jitsi Meet ist eine gute und ausgereifte Anwendung, die aber mit dem gestiegenen Nutzungsvolumen seit letzter Woche Probleme hat.

Top 3: Skype

Skype: Dieses bekannte und bewährte – und daher wohl auch vielen Kolleginnen und Kollegen vertraute – Programm zur Videotelefonie stellt auch im Fernunterricht eine erste niedrigschwellige Einstiegsebene für persönlichen Kontakt dar. Ein Microsoft-Konto, über das viele Windows-Nutzer bereits verfügen, reicht für den Gebrauch aus. Der Kontakt kann dann mit allen Nutzern mit Skype-Konto einfach und schnell hergestellt werden.

Zoom, Jitsi, Skype - Videokonferenzen in Zeiten von Schulschließungen und Coronavirus 3
Einfache Bedienung, stabile Funktionen und bekanntes Programm: Auch in Schulen kann Skype eingesetzt werden (Skype)


Bis zu 50 Personen können dann gleichzeitig an einem Gruppen-Videochat teilnehmen und im Team arbeiten. Skype bietet zudem eine Gruppen-Bildschirmübertragung, um allen Teilnehmern PowerPoint-Folien, Videomitschnitte und weitere Inhalte zu präsentieren. Eine für Schulen sehr praktische Funktion.

Wie können Videokonferenzen während der unterrichtsfreien Zeit genutzt werden?

Dass Videokonferenzen reflektiert und nur mit methodischer Vorbereitung und kleineren Vortests der jeweils gewählten individuellen Lösung durchgeführt werden sollten, ist immer zu bedenken. Einige Einsatzmöglichkeiten und Praxisbeispiele von Video-Konferenzen im Fernunterricht.

Einsatzmöglichkeiten von Videokonferenzen für die pädagogische Arbeit

  • Ein gemeinsamer Start in den Tag mit einer kurzen Klassen-Videokonferenz
  • Eine Klassen-Video-Konferenz zu bestimmten Tageszeiten
  • Video-Konferenzen mit einzelnen Schülern (eine sehr sinnvolle Lösung, um mit den Schülern im Gespräch zu bleiben und die pädagogische Beziehung aufrecht zu erhalten)
  • Offene Beratungstermine zu festen Uhrzeiten / Sprechstunde
  • Gruppenarbeiten der Schüler untereinander
  • Auch Elternsprechstunden sind natürlich denkbar, um Fragen klären zu können und ggf. zu Online-Lernangeboten beratend tätig zu werden
  • Und natürlich für kollegialen Austausch jeglicher Art (Fachthemen, Webinare als Beratungsangebote, Schulleitungsaufgaben, …)

Praxisbeispiele – Konzepte während der Corona-Ferien

Praxisbeispiel I: Wie Schulen dieses Modell umsetzen können, zeigt das Konzept „Organisation des Unterrichts während der Corona-bedingten Schulschließung“ von Andreas Kalt / Kreisgymnasium Neuenburg. Diese Schule setzt auf zwei Videokonferenz-Blöcke á 30 Minuten je Vormittag, in denen die Lehrperson mit je der Hälfte der Schüler*innen einer Klasse in den Austausch tritt.

Praxisbeispiel II: Philippe Wampfler gibt bei Twitter einen kleinen Einblick. „Morgenritual um 8  Uhr über Videokonferenz für alle Klassen verbindlich. Danach in jedem Fach mindestens einen »Touchpoint« pro Woche, bei dem Lehrkraft mit Schüler*innen kommuniziert. Stundenplan definiert Präsenz- und Arbeitszeiten zuhause.“

Praxisbeispiel III: Ein weiteres Beispiel einer Wiener Schule zeigt auf, wie der Online-Unterricht über Microsoft Teams unter Einbindung von Skype ablaufen könnte. Ein praktischer Leitfaden auch für andere Schulen, die Microsoft-Lösungen einsetzen und nutzen wollen.

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Videokonferenzen – attraktives, aber auch anspruchsvolles Format

Um mit Schülern, Kollegen oder der Familie in persönlichen Kontakt zu treten, bietet sich die Möglichkeit von Videokonferenzen an. Eine in den ersten Tagen der schulfreien Zeit häufig beschriebene Methode. Diese Variante persönlichen Kontakts klingt zunächst sehr interessant und könnte bei Lehrpersonen die Erwartung wecken, den Unterricht ähnlich wie zuvor weiterführen zu können. Doch dieses Format sollte gründlich geplant und reflektiert werden, denn Videokonferenzen sind sowohl pädagogisch als auch technisch sehr anspruchsvolle Kommunikationsformen:

  • Videokonferenzen benötigen einen leistungsfähigen Internetzugang
  • Teilnehmer müssen passende Dienste kennen und diese bzgl. Datenschutzfragen und Benutzung durch andere User vorab einschätzen können
  • Die Bedienung von Videokonferenz-Software kann recht kompliziert sein
  • Verhaltensweisen in Videokonferenzen unterscheiden sich grundlegend vom Präsenzunterricht, was hohe Anforderungen an die disziplinierte Teilnahme stellt
  • Die Teilnehmer müssen zudem sehr konzentriert mitarbeiten, da die Kommunikation durch die räumliche und häufig leicht zeitverzögerte Distanz erschwert wird
  • Einige Erfahrungsberichte aus der Sekundarstufe I sind daher eher negativ – die Empfehlung gilt insbesondere für Kurse der Sekundarstufe II
  • Eine Alternative stellt die Bildung von kleineren Gruppen aus den Klassen dar, wie im Praxisbeispiel I beschrieben

Auch wenn die Nutzung von Videokonferenz-Tools also auf den ersten Blick schlüssig und motivierend erscheint, sollten die Herausforderungen bedacht werden, die mit diesem Format verbunden sind. Richtig geplant, bieten Videokonferenzen aber großes Potential.

Meine wichtigsten Eindrücke in einem kurzen Fazit zum Abschluss:

Alternative: Interaktion und Austausch mit kollaborativen Tools

Für offenen Austausch und Diskussion eignen sich natürlich auch sämtliche kollaborativen Online-Tools, wenn man mit Videokonferenzen keine guten Erfahrungen macht oder gerne darauf verzichten möchte. Es existitieren zahlreiche Tools wie beispielsweise

Doch es gibt weitere interessante Möglichkeiten, die Lehrpersonen nutzen könne, wenn sie weiterhin mit ihren Schülern zusammenarbeiten wollen:

So verfügen inzwischen alle relevanten Office-Programme (z.B. Microsoft Word, Apple Pages, Google Docs) – insbesondere Microsoft Office 365 stellt mit dem Kommunikationstool Microsoft Teams eine umfassende Lernumgebung dar – über die Möglichkeit der Live-Kollaboration

  • zur Diskussion von Inhalten,
  • gemeinsamen Überarbeitung von Produkten,
  • Beantwortung von Fragen.

Lehrkräfte sollten sich also je nach Kenntnissen und Interessen für eine der zahlreichen Möglichkeiten entscheiden, wenn sie mit den Schülern interagieren wollen. Sich oder andere unter Druck zu setzen, wäre sowieso gänzlich falsch. Denn so vielfältige, wie der Unterrict bislang war, wird er auch unter den Bedingungen der Digitalität bleiben. Videokonferenzen sind in dem Kontext nur ein Teil aus dem großen Baukasten möglicher digitaler Unterstützungsformate.

2 KOMMENTARE

  1. Hi, sehr interessante und hilfreiche Infos. Was mir fehlt ist der Datenschutz-Aspekt. Kann ich alle drei Tools gefahrlos einsetzen? Danke.

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